2010

Niko Kappel



Interview mit Niko Kappel


Wann hast du erfahren, dass du der Sportler des Jahres bis, und was war Dein erster Gedanke?
Dass ich Sportler des Jahres werde, habe ich an der Leichtathletikversammlung im Sitzungssaal der Geschäftsstelle erfahren. Ich war sehr überrascht und habe mich riesig gefreut – es ist super, dass Welzheim meine Leistungen so anerkennt. Das motiviert mich!

Das vergangene Jahr war ja auch äußerst erfolgreich für dich. Welche Wettkämpfe waren die bedeutendsten?
Erst mal die Deutschen Meisterschaften in Bottrop. Da wurde ich Deutscher Meister in meiner Altersklasse und dort habe ich auch die Normen für den C-Kader geschafft. Nach diesem Erfolg wurde ich für die IWAS Junioren-WM in Olomouc nominiert, dort startete ich dann erstmals für Deutschland. Das war ein sehr schönes Erlebnis. Für eine Medaille reichte es leider nicht, da ich U 23 starten musste. Ich konnte aber meine Bestweiten weiter ausbauen!

Die Wettkämpfe sind ja nicht gerade vor der Haustür. Erhältst du Unterstützung und Hilfen?
Ja klar, ohne die würde es gar nicht gehen! In erster Linie von meinen Eltern, die immer nach Waiblingen oder nach Rom (Rommelshausen, Anmerkung der Redaktion) fahren, von Michael Huy, der mich mittwochs immer mit nach Rom ins Training nimmt, vom WBRS (Thomas Nuss und Franz Hager) und von der LG Kernen. Auch darf ich seit Kurzem den Schulsportplatz in Welzheim zum Training nutzen, was mir natürlich auch sehr hilft!

Welche Disziplin würdest du als Deine große Stärke bezeichnen?
In erster Linie Speerwurf, dann z. Zt. noch Kugel. Ich hoffe aber, dass nach den Paralympics in London 2012 auch der Sprint für Kleinwuchs zugelassen wird. Da habe ich auch großes Potential!

Dein Training muss auch entsprechend umfangreich sein.
Ja – ich trainierte 4 – 6 Mal die Woche. 1 x in Rom, z. Zt. auch 1x in WN, dann natürlich zu Hause und 1-2 x noch auf dem Schulsportplatz. Auch muss ich ein Trainingstagebuch schreiben, dass ich immer wieder der Bundestrainerin vorlegen muss. Der Trainingsplan wird in Absprache mit Trainer Thomas Strohm erstellt.

Deine Trainer Thomas Strom und Thomas Nuss sehen sicherlich auch noch sportliche und persönliche Bereiche, in denen du dich noch steigern oder verändern kannst.
Klar – ich darf mich z. B. beim Training und Wettkampf nicht ablenken lassen, mich nur auf das Training oder den Wettkampf konzentrieren. Auch werfe ich gerne auf Weite und würde am liebsten jeden Wurf oder Stoß abmessen. Außerdem steht die Gesundheit an erster Stelle. D. h. ich darf noch keine Kraftübungen mit Gewichten machen und der Schwerpunkt liegt bei der Technik, nicht bei Kraft und Weite. Auch muss ich noch mehr Geduld haben. Aber dazu könnten die Trainer bestimmt noch mehr sagen. (grinst)

Was sind Deine Ziele für dieses Jahr, oder gibt es ein langfristiges Ziel?
Meine Ziele für dieses Jahr sind eine Medaille bei den Deutschen Meisterschaften. Dieses Jahr starte ich erstmals bei der Jugend B – nicht mehr in der Schülerklasse. Natürlich möchte ich meine Bestweiten ausbauen und eine gute Leistung bei der IWAS Junioren-WM in Dubai abliefern.
Langfristig ist mein Ziel die Teilnahme bei den Paralympics im Jahr 2016 in Rio de Janeiro. London 2012 wird wohl nicht klappen, da ich die „Erwachsenen-Gewichte“ noch nicht habe. (Kugel habe ich noch 3 kg (Paralympics 4 kg) - Speer z. Zt. 500 gr. (Paralympics 600 gr.). Auch muss man bei den Paralympics eine Mindestweite von 80 % des Weltrekords erreichen. So weit bin ich noch nicht. Z. B. liegt der Weltrekord bei Kleinwüchsigen im Speerwurf bei ca. 40 Meter. D. h. ich bräuchte eine Quali-Weite von 32 m mit dem 600 gr. Speer.

Wie kann man sich das vorstellen bei den Paralympics? Da gibt es doch verschiedene Kategorien, in denen die Behinderten starten.
Ja, die Handicaps werden in verschiedene „Schadensklassen“ eingeteilt. Kleinwuchs ist z. B. F40. (F= Field, bei anderen Schadensklassen gibt es sowohl F als auch T, T=Track) und Kleinwüchsige gehören zu den Amputierten. Für die F40 sind nur Wurf-Disziplinen zugelassen. Lauf und Sprint noch nicht – soll sich aber eventuell nach London ändern. Auch gibt es für jede Schadensklasse noch unterschiedliche Umrechnungsfaktoren. Z. B. liegt der Umrechnungsfaktor bei Speer so um die 3. Das heißt, wenn mein Klassenkamerad den Speer 50 m weit wirft und ich den Speer 25 m weit, dann habe ich trotzdem gewonnen, weil ich den Faktor 3 habe und dann 75 m Weite hätte. Der Umrechnungsfaktor ergibt sich aus dem Verhältnis der jeweiligen Weltrekorde (Kleinwuchs und „Normal“). Die verschiedene Klassifizierung und Schadensklassen hier zu erläutern würde den Rahmen sprengen. Wen es aber interessiert, kann mich gerne fragen.

Wie sieht es mit anderen Sportarten aus, oder hast du schon immer Leichtathletik betrieben?
Nein, bei der Leichtathletik bin ich erst seit ca. 2-3 Jahren. Vorher bin ich Inliner gefahren und habe Fußball gespielt. Ich spiele ich jetzt immer noch. Zur Leichtathletik kam ich eigentlich durch Zufall. Im LKMF (Landesverband Kleinwüchsiger Menschen und ihre Familien in Baden-Württemberg e. V.) sollten Bundesjugendspiele durchgeführt werden, wegen einem Handout für Sportlehrer, das vom BKMF (Bundesverband Kleinwüchsiger…..) erstellt wurde. Da habe ich natürlich mitgemacht und habe bemerkt, dass ich mit Abstand die besten Weiten hatte. Z. B. im Ballwerfen hatte ich so 30 Meter, die anderen (auch älteren Kleinwüchsigen) nur so 18 m. Das gleiche beim Sprint und Sprung. Zeitgleich waren die Paralympics in Peking, die ich immer im Fernsehen verfolgte. Daraufhin, habe ich mich im Internet informiert und an die Behindertensportverbände geschrieben, die dann prompt auch antworteten. Gaby Rothfuss und Thomas Nuss haben sich dann beim mir gemeldet und gekümmert - und so fing alles an.

Wann war es eigentlich klar, dass du kleinwüchsig bist?
Meine Eltern haben es erfahren, als ich ca. 1 Jahr alt war. Kleinwuchs ist eine Spontanmutation. Vorkommnis so ca. 1:25 000.

Du lebst ja trotzdem völlig normal. Wann und wo im Alltag wird dir Deine Kleinwüchsigkeit überhaupt bewusst.
Eigentlich nur, wenn ich irgendwo nicht hochkomme oder wenn ich einen Hocker zum Hochsteigen brauche. Auch jetzt, wenn ich den Führerschein machen möchte, brauche ich eine Pedalverlängerung. Aber sonst merke ich es eigentlich gar nichts.

Momentan stehst du ja auch in der Schule vor einer größeren Herausforderung, nämlich der Mittleren Reife.
Ja – Anfang Mai sind Abschlussprüfungen. Bisher habe ich das eigentlich immer super unter einen Hut gebracht mit dem Leistungssport und der Schule. Ich hoffe, es bleibt auch weiterhin so! Durch meinen Sport sind und werden schon einige Schultage ausgefallen – im April vor den Prüfungen dann eine ganze Woche für Dubai und so wie jetzt wieder zwei Tage für das Trainingslager in Kienbaum.

Wie geht es nach der Schule weiter?
Nach der Schule, habe ich einen Ausbildungsplatz bei der Volksbank in Welzheim bekommen. Ich freue mich schon riesig darauf!

Herzlichen Dank für das Interview. Abschließend vielleicht ein paar Worte, die du noch loswerden möchtest.
Ich freue mich echt sehr, dass ich zum Sportler des Jahres gewählt wurde und möchte mich hierfür herzlich bedanken. Auch möchte ich allen danken, die mich unterstützen und für mich da sind:
Meinen Eltern Thomas und Heike Kappel,
meinem Trainer Thomas Strohm,
der LG Kernen und Rainer Götz,
dem WBRS (Team Thomas): Thomas Nuss, Gabriele Rothfuss, Franz Hager,
den TSF Welzheim, insbesondere Hermann und Waltraud Loos sowie Steffen Köngeter,
der Stadt Welzheim für die Erlaubnis zum Training auf dem Sportgelände,
meinem Physiotherapeuten Alin Budulan und
Michael Huy fürs Mitnehmen nach Rom und für das tolle Interview!

Jetzt hoffe ich, dass ich niemanden vergessen habe! Vielen Dank!



(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken